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Gemeinsame Presseerklärung zum Integrierten Rheinprogramm

19.12.2000
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg (LNV), Naturschutzbund Deutschland (NABU), Arbeitskreis Wasser im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU)

Gemeinsame Presseerklärung zum Integrierten Rheinprogramm
Wasser in die Auen am Rhein
Das integrierte Rheinprogramm ist eine Chance für Mensch und Natur!


Zur Vorgeschichte:
Es wird von kaum jemandem bestritten, dass Hochwasserrückhaltung am Oberrhein notwendig ist, um die wachsenden Gefahren für die Unterlieger zu verringern. Das Land Baden-Württemberg muss dazu seinen vertraglich festgelegten Teil beitragen. Bis vor kurzem schien es so, als sei auch die Umsetzung, die nach den Grundsätzen des Integrierten Rheinprogrammes (IRP) verlaufen soll, im Prinzip allgemein akzeptiert. Nach den Vorstellungen der zuständigen Landesministerien sollen, auch auf Druck der Umweltverbände, - anders als bei früheren, mehr technokratisch und nicht umweltverträglich orientierten Lösungsansätzen - die Maßnahmen des Hochwasserschutzes mit einer Renaturierung der Rheinauelandschaft verknüpft werden.

Kurz gesagt: Auen brauchen Wasser, am besten in Form regelmäßiger Überflutungen. Es ist daher eine ökologisch sinnvolle Lösung, Hochwasser in die Auwälder zu leiten, wo immer das technisch und ohne allzu nachteilige Folgen machbar ist. Um die Natur der Wälder an die Hochwassersituation anzupassen, sind zusätzlich "ökologische Flutungen" von Zeit zu Zeit notwendig und sinnvoll. Es wird damit quasi der Zustand vor dem Rheinausbau imitiert.

Die auentypischen Lebensgemeinschaften mit ihren Bäumen, Pflanzen und Tieren können mit dem Hochwasser gut leben, sie haben sich in langen Zeiträumen an diese "amphibische" Umweltsituation angepasst. Das IRP bietet daher die große Chance, die notwendigen Hochwasserschutzmaßnahmen zu nutzen, um die Rheinaue wieder vielfältiger und naturnäher zu machen.

Südlich von Hartheim existieren infolge der nahezu vollständigen Wasserableitung in den Grand Canal d´Alsace und der damit verbundenen Grundwasserabsenkung keine feuchten Auen mehr. Um auch hier einen Beitrag zum Hochwasserschutz zu leisten, wurde von der planenden Behörde das Projekt "90-Meter-Streifen" vorgeschlagen. Durch Auskiesung dieses "rheinparallelen" Streifens soll Retentionsvolumen für 25 Millionen cbm Wasser geschaffen werden.

Trotz mancher Probleme scheint diese Lösung insgesamt die verträglichste zu sein, wie vergleichende Untersuchungen gezeigt haben. Andere Lösungen (Wehrlösung, Teilauffüllung des Rheinbettes, konzentrierte Auskiesung auf 10 qkm) sind mit massiven Schäden für Natur und Landschaftsbild verbunden. So käme es z.B. zur Zerstörung des in Deutschland einmaligen Lebensraumes "Trockenaue" mit zahlreichen Besonderheiten in der Tier- und Pflanzenwelt. Verbunden wären damit aber auch weitere Probleme (z.B. möglicherweise gefährlicher Grundwasserauftrieb im AKW Fessenheim), so dass diese Ansätze nicht weiter verfolgt wurden.

Zur aktuellen Situation:
Mit zunehmender Sorge und mit Verwunderung verfolgen die Umwelt- und Naturschutz-verbände seit einiger Zeit, dass bei aktuellen Diskussionen um den Hochwasserschutz in einigen Ortschaften am Rhein das Grundkonzept des IRP in Frage gestellt wird. Es wird dabei auch Falsches und Halbwahres behauptet, und manche Politiker und Interessengruppen (Kiesindustrie) missbrauchen Ängste und Befürchtungen der Menschen und üben auf die Entscheidungsträger erheblichen Druck aus.

Nördlich von Breisach soll nach diesen Forderungen auf ökologische Flutungen und auf einen Teil der Überschwemmungsflächen verzichtet werden, stattdessen soll südlich von Breisach möglichst viel Wasser mittels einer Wehrlösung zurückgehalten werden. Die bisherige Wehrlösung ist jedoch bei fachlicher Überprüfung als untauglich beurteilt worden, und sie sollte nicht mit St.-Florians-Argumenten wieder aus der Mottenkiste hervorgeholt werden.

Die Umweltverbände möchten sich in dieser Situation nachdrücklich und gemeinsam zu Wort melden. Sie appellieren an die Betroffenen, die Politiker und die Planer, die bisherige Grundlinie des IRP nicht aufzugeben. Die Planung von Fließpoldern, ökologischen Flutungen und 90-Meter-Streifen sollte nach Meinung der Umweltverbände unbedingt beibehalten werden.

Es sind schon rund 20 Jahre für die Planungen verwendet worden, ohne dass bis heute ausreichend Rückhalteräume für den Fall des nächsten (noch höheren?) Hochwassers zur Verfügung stehen. Wir halten es daher für unverantwortlich, das ganze Konzept über den Haufen zu werfen und neu zu planen. Man kann die heutigen Planungen nicht vergleichen mit den ersten realisierten Poldern, bei denen die Stauhöhen viel zu hoch waren und es aufgrund mancher Fehler bei der Flutung tatsächlich zu Verlusten beim Wild kam. Hier haben die Naturschutzverbände in den vergangenen Jahren durch konstruktive Kritik viel erreicht.

Es ist richtig, dass Teile der heutigen Auewälder nicht hochwassertolerant sind. Dabei handelt es sich aber um standortfremde Kulturen, z.B. Nadelbestände und Monokulturen, die nicht in die Aue gehören und mittelfristig ersetzt werden müssen. Insgesamt ist das Ziel des IRP und der ökologischen Flutungen ein stabilerer, standortgerechter, strukturreicher und vielfältiger Wald, dessen Erlebniswert größer ist (vgl. Taubergießen!). Die Rheinaue würde dadurch auch für den Tourismus weiter an Interesse gewinnen.

Falls die geschilderten neuen Forderungen wirklich aufgegriffen werden sollten, wären die Folge mit Sicherheit neue Verzögerungen wegen großer rechtlicher Probleme (z.B. FFH-Wertigkeit der Trockenaue!). Baden-Württemberg müsste sich dann im Falle eines Katastrophenhochwassers zu Recht den Vorwurf gefallen lassen, die nötigen Maßnahmen viel zu lange verschleppt zu haben und daher für nicht absehbare Schäden verantwortlich zu sein.

Es liegt in unser aller Verantwortung, dass die flussabwärts wohnenden Menschen besser vor den Folgen von Hochwässern geschützt sind, die in Zukunft womöglich noch höher und damit noch dramatischer werden können.

Über viele Details der Hochwasserrückhaltung muss sicherlich noch "gestritten" werden. Die Befürchtungen der Menschen in den Rheindörfern müssen ernst genommen werden: Einstauhöhen, Umbaumaßnahmen in der Landschaft, technische Maßnahmen gegen zu starken Grundwasseranstieg ("nasse Keller") müssen diskutiert und optimiert werden. Insofern können wir ein konstruktives "Polder - so nitt" unterstützen. Wenn daraus aber aufgrund diffuser Ängste und mit Unterstützung der Kiesindustrie ein "nitt bi uns" wird, ist das nicht zu akzeptieren. Im Rahmen der Anhörungen sollten die Behörden ohne Starrheit Vorschläge aufnehmen und lokale Wünsche so weit als möglich berücksichtigen. Aber die Grundkonzeption des IRP über Bord zu werfen, wäre ein umwelt- und landespolitischer Skandal zum Nachteil der Landschaft, des Hochwasserschutzes und damit auch der Menschen.

Für den BUND Regionalverband Südlicher Oberrhein: Dr. Frank Baum
Für den Landesnaturschutzverband: Reiner Ehret
Für den NABU, Gruppen Müllheim und Freiburg: Franz Schneider und Jürgen Herr
Für den AK Wasser im BBU: Nik Geiler

Mehr Infos zum Integrierten Rheinprogramm IRP, zum Hochwasserschutz und Naturschutz am Rhein finden Sie hier




Rhein & Integriertes Rheinprogramm – IRP


Hochwasserschutz und Auenrenaturierung am Rhein - eine große Chance für Mensch und Natur



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Durch die lang zurückliegende Rheinbegradigung und andere Flußbaumassnahmen wurde der Rhein zwar bezwungen, gleichzeitig aber viel Natur zerstört und die Hochwassergefahren für die Menschen rheinabwärts haben sich massiv erhöht. Mit dem IRP, dem Integrierten Rheinprogramm wurde jetzt ein guter Kompromiss zwischen Hochwasserschutz & Naturschutz am Rhein gefunden. Ein Kompromiss den alle großen Naturschutzverbände (BUND, NABU, Alsace Nature, AK Wasser im BBU...), aber auch das Aueninstitut das sich seit Jahrzehnten wissenschaftlich mit Flußrenaturierungen beschäftigt, mittragen können.
Dennoch kämpfen seit vielen Jahren örtliche "Bürgerinitiativen" gegen das IRP. Wie so häufig werden mit vorgeschobenen Naturschutzargumenten vollkommen andere Ziele verfolgt.
Aber örtliche BI´s und CDU Bürgermeister wissen natürlich auch viel besser als BUND, NABU, Alsace Nature, AK Wasser im BBU und Aueninstitut was der Natur nutzt... Auch die örtlichen Medien sollten ihre Rolle in der regionalen Wahrnehmungsblase einmal kritisch hinterfragen und endlich objektiver berichten.

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Dieser Artikel wurde 5529 mal gelesen und am 21.2.2017 zuletzt geändert.