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Großer Puppenräuber (Calosoma sycophanta L.) Ein ungewöhnlicher Nachweis

Ungewöhnliche Nachweise des Großen Puppenräubers (Calosoma sycophanta L.) vom Schwarzwaldrand bei Staufen im Breisgau
Zur Erinnerung an Stephan Huchel (1949 – 1990), Liebhaber und Schützer der Natur um Staufen
Frank Baum, Staufen i. Br.

Der Große Puppenräuber ist unter den heimischen Käfern eine besonders große und attraktive, aber auch eine besonders seltene Art. Die Einstufung in der „Roten Liste der in Baden-Württemberg gefährdeten Laufkäfer“ (TRAUTNER 1992) erfolgte mit 1 (vom Aussterben bedroht), in der 2. Fassung (Trautner 1996 a) aufgrund neu nachgewiesener Vorkommen mit 2 (stark gefährdet). Neuere Funde aus Baden-Württemberg sind spärlich und hauptsächlich aus warmen Eichenwäldern der Oberrheinebene bekannt (Trautner 1996 b). Ein wichtiges aktuelles Vorkommen liegt beispielsweise in der „Trockenaue“ bei Grissheim südlich Breisach, charakterisiert durch lichten, lückigen Eichenbestand und trockenwarmes Gebüsch (Bense et al. 2000). Aufgrund der guten Flugfähigkeit ist die Art recht mobil und kann bei Raupenkalamitäten kurzfristig geeignete Lebensräume besiedeln. Aus dem gleichen Grund können Einzelexemplare auch in völlig untypischer Umgebung beobachtet werden, so im August 1957 ein Exemplar auf der belebten Kaiser-Josef-Straße in der Freiburger Innenstadt (GAUSS 1963). CHRISTOPH NEUMANN (mündl. Mitteilung) berichtet von einer Beobachtung aus dem dicht bebauten Freiburger Stadtteil Stühlinger, wo sich im Juni 1993 an einer einzelnen alten Eiche in einem großen Innenhof mehrere Exemplare von Calosoma sycophanta aufhielten. Die Eiche wies Massenbefall mit Raupen des Schwamm- oder Prozessionsspinners auf. Dieses Beispiel belegt die große Mobilität der Art, die Fähigkeit, über weite Distanzen eine Raupenkalamität „zu orten“, sowie die Tatsache, dass - mindestens zeitweise - eine geringe, schwer nachweisbare „Grundpopulation“ im Freiburger Umland vorhanden sein muss, um eine solche Ansammlung mehrerer Tiere überhaupt zu ermöglichen. Aus dem großen Waldgebiet des Freiburger Mooswaldes, in dem noch verbreitet alte Eichenbestände aus der Zeit der Mittelwaldnutzung vorhanden sind, ist nur ein einziger Nachweis des Großen Puppenräubers bekannt (MAIER in lit., nach TRAUTNER 1996).

Bestände kleinwüchsiger, krüppeliger Eichen, die als Lebensraum für den Puppenräuber in Frage kommen, finden sich stellenweise auch auf trockenwarmen Standorten am Schwarzwaldrand, wo felsige, südexponierte Hänge auf Silikatgestein thermophilen Arten gute Lebensbedingungen bieten.

Ein Beispiel für einen solchen Trockenhang am Schwarzwaldrand ist der Schonwald "Höllenberg" direkt östlich von Staufen am Eingang ins Münstertal. Aufgrund der Standortbedingungen und der historischen Nutzung als Eichen-Schälwald bzw. -Niederwald dominiert an den steilen Hängen die Traubeneiche, wobei die Bäume - insbesondere in den trockenen, von Felsen oder Gesteinsschutt geprägten Bereichen - kleinwüchsig und vielfach anbrüchig sind.

Hier findet sich neben interessanten Vertretern der Pflanzenwelt (z.B. Digitalis lutea und Dig. ambigua, Cephalanthera longifolia, Melittis melissophyllum, Anthericum liliago, Hieracium peleterianum, Galium lucidum, Ceterach officinarum) auch eine bemerkenswerte Insektenfauna. Die krüppeligen Eichen bieten xylobionten Käferarten gute Entwicklungsmöglichkeiten; so wurden u.a. die folgenden selteneren Arten – teils durch Zucht aus Baummulm - nachgewiesen: Lucanus cervus, Aesalus scarabaeoides, Gnorimus variabilis, Protaetia aeruginosa, Protaetia lugubris, Cardiophorus gramineus und C. nigerrimus, Procraerus tibialis und Pseudocistela ceramboides.

Im Rahmen dieser Untersuchungen ließen sich auch Nachweise des Großen Puppenräubers führen: Beim Durchmustern von trockenem Mulm aus einer hohlen Eiche fiel aufgrund des goldgrün-kupferigen Glanzes ein wenige Millimeter großes Fragment vom Rand der Flügeldecke eines Käfers auf (März 1997). Durch Vergleich ließ sich der im Schonwald vorkommende Carabus auronitens ausschließen, dagegen stimmten Färbung und Struktur vollkommen mit dem Flügeldeckenrand von Calosoma-sycophanta-Vergleichstieren überein. Im selben Gebiet fand NEUMANN einige Monate später nach einer gemeinsamen Begehung mit dem Autor (Mai 1997) am Fuß einer Eiche an einem alten Raupengespinst ebenfalls ein – allerdings viel größeres - Fragment einer Flügeldecke von Calosoma sycophanta. Offensichtlich kommt die Art zumindest zeitweise in diesem Eichen-Hangwald vor.

Ein weiterer Nachweis für Staufen gelang eher zufällig aus "schöngeistiger" Literatur, in der konkrete Käfernachweise sonst nicht zu erwarten sind (Sept. 2002). Er soll kurz beschrieben werden, wobei etwas weiter ausgeholt werden muss:

In Staufen im Breisgau verbrachte Peter Huchel (1903 - 1981), der als einer der bedeutendsten deutschen Lyriker des 20. Jahrhunderts gilt, die letzten Jahre seines Lebens. Nach dem Krieg war er in der DDR Chefredakteur der (damals) angesehenen Literaturzeitschrift "Sinn und Form", bis er in Konflikt mit den herrschenden Vorstellungen von Kunst und Literatur kam und kaltgestellt wurde. 1971 konnte er die DDR verlassen, 1972 fand er sein „Exil“ in Staufen. Hier hatte Peter Huchel Kontakt zu befreundeten Schriftstellern und Künstlern; einer von ihnen war der Übersetzer und Essayist Michael Hamburger (1). Er hat Peter Huchel besucht und danach ein Gedicht geschrieben, das er „In Staufen“ genannt und Peter Huchel gewidmet hat. Einige Abschnitte sollen hier wiedergegeben werden (aus WALTHER 1996):

Zu lieblich, zu hübsch, sagtest du,
Vor der Villa sitzend, in der du zu Gast bist
Mit Sicht auf Weinberge, die weite Ebene,
Welche in der Ferne, wenn der Dunst sich hebt,
Die Silhouette der Vogesen begrenzt.
Oder mit dem Blick zurück
Auf den bergigen Rand
Des Waldes, nahebei, den sie schwarz nennen. ...
Nicht schwarz genug für dich,
Der du von deiner wahren Heimat vertrieben bist,
Dem bedrohten, dem drohenden Osten? ...
Über dem Swimmingpool
Schweben Bussarde, kreischen.
Von Hochoben, einem Baumwipfel,
Gleitet ein Pirol
Durch seine enge Tonskala,
Und plötzlich, einmal nur,
Leuchtet er auf in raschem Flug,
Lässt Eichen, Eschen, Fichten
Schwärzer erscheinen. ...
Zu spät hob ich aus dem Wasser
Einen „Puppenräuber“
Und kehrte zu meinem Buch zurück,
Zum „Sozialen Leben der Insekten“
Des altmodischen Fabre,
Um die gerade beobachtete Spezies
Hier registriert zu finden:
Deren Massenmord an Raupen.
Das Hochzeitsfest,
Bei dem das Weibchen
Das Männchen frisst.
Ich schloß das Buch
Und behielt den toten Körper
Wegen des Grüns und Golds seiner Flügel. ...


In einem Swimminpool auf dem Staufener „Bötzen“ ist also der Calosoma ertrunken, der Michael Hamburger so beeindruckt hat. Hier lebte Peter Huchel die ersten Jahre seiner Staufener Zeit in einer großzügigen Villa, für die ein Mäzen die Miete übernahm (nach HEIDENREICH 1999). Der Bötzen grenzt an alte und eichenreiche Mischwälder, die nach Süden hin bald in den Schonwald Höllenberg übergehen. Von 1975 bis zu seinem Tod 1981 lebte Huchel übrigens mit seiner Frau und dem Sohn Stephan in einem abseits gelegenen, bescheidenen Haus, das direkt am Fuß des Staufener Höllenberges liegt; „meine Kate“ nannte er sein endgültiges Altersdomizil.

Der Nachweis aus Hamburgers Gedicht passt gut zu den Flügeldecken-Fragmenten, die von uns im Höllenberg-Wald gefunden wurden. Ob diese warmen Hangwälder des Schwarzwaldrandes allerdings kontinuierlich vom Großen Puppenräuber besiedelt werden oder ob hier nur sporadisch Einzeltiere der flugtüchtigen Art vorkommen, lässt sich derzeit nicht entscheiden.

Nachtrag: Nach Fertigstellung des Manuskriptes kam es zu einem weiteren Fund: Anläßlich einer geologischen Exkursion am 06.04.2003, an der auch der Autor teilnahm, fand Frau Dr. El. Bücking (Sölden) am Ölberg bei Ehrenstetten (auf halber Strecke zwischen Staufen und Freiburg) am Fuß einer Jura-Felswand eine völlig intakte Flügeldecke von Calosoma sycophanta. Der Ehrenstetter Ölberg gehört als Teil des Schönbergmassives zur Vorbergzone des Schwarzwaldes und ist gekennzeichnet durch trockenwarme Gebüsche und Hangwälder. Bei den zahlreichen Begehungen des Ölberges durch den Autor konnten viele bemerkenswerte wärmeliebende und xylobionte Käferarten, aber bisher nie der große Puppenräuber nachgewiesen werden. Der Zufallsfund von Frau Bücking ist daher besonders erstaunlich und erfreulich.

Literatur:
BENSE, U., MAUS, CHR., MAUSER, J., NEUMANN, CHR. und TRAUTNER, J. (2000): Die Käfer der Markgräfler Trockenaue. In: Vom Wildstrom zur Trockenaue, Naturschutz-Spectrum Themen 92: 347-460; Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher; Hrsg.: Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg.

GAUSS, R. (1963): Bemerkenswerte badische Käferfunde. Mitt. Bad. Landesver. Naturkunde u. Naturschutz N.F. 8: 439-443.

HEIDENREICH (1999): Peter Huchel in Staufen im Breisgau. Deutsche Schillergesellschaft Marbach am Neckar

TRAUTNER, J. (1992): Rote Liste der in Baden-Württemberg gefährdeten Laufkäfer. Ökologie und Naturschutz, 4, 72 S., Verlag Josef Margraf, Weikersheim

TRAUTNER, J. (1996 a): Rote Liste der in Baden-Württemberg gefährdeten Sandlaufkäfer und Laufkäfer. 2. Fassung (Stand Dez. 1996). – In: Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg (ed.): Arten- und Biotopschutzprogramm Baden-Württemberg, Bd. 1, 3. Ergänzungslieferung. IIIB: 49-54

TRAUTNER, J. (1996 b): Der Große Puppenräuber Calosoma sycophanta (Linné, 1758) in Südwestdeutschland. Mitt. Internat. Entomol. Ver. 21: 81-104

WALTHER, P., Hrsg. (1996): Am Tage meines Fortgehens – Peter Huchel (1903 – 1981). Begleitband zur Ausstellung des Brandenburgischen Literaturbüros. Insel-Verlag Fft./M. und Leipzig

Frau Barbara Riedel danke ich herzlich für die Überlassung von Literatur über Peter Huchel, in der ich auf das Calosoma-Gedicht von Michael Hamburger gestoßen bin.
(1) Michael Hamburger, 1924 in Berlin geboren, emigrierte mit seiner Familie 1933 nach England.

Dr. Frank Baum, Weiherweg 13, 79219 Staufen




Frank Baum hat eine Vielzahl von wichtigen Texten zu Naturschutzthemen und noch mehr Stellungnahmen geschrieben.

Hier finden Sie eine kleine Auswahl:






  • Info: Bedrohte Artenvielfalt am Oberrhein
    Die Arbeit ist publiziert in den Mitteilungen des Entomologischen Vereins Stuttgart, Jg. 38, S. 19 - 21, 2003









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    Axel Mayer









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    Dieser Artikel wurde 6607 mal gelesen und am 8.12.2015 zuletzt geändert.